Ab 2019 müssen Autofahrer erst mit 75 zum Medizincheck. Astrid Meier, Fahrlehrerin aus Oberrohrdorf, bietet Auffrischungsfahrten für Senioren an. Sie spricht über das Fahren im Alter.

Ab 1. Januar 2019 müssen Seniorinnen und Senioren erst ab dem Alter von 75 alle zwei Jahre zur Kontrolle ihrer Fahrtüchtigkeit. Bis jetzt stand der obligatorische Medizincheck ab dem 70. Altersjahr an. Die Erhöhung der Alterslimite geht auf eine parlamentarische Initiative des Aargauer SVP-Nationalrats Maximilian Reimann zurück, der das Parlament zugestimmt hatte. Der Bundesrat unterstützte das Anliegen mit der Begründung, die Gesundheit der heutigen Seniorinnen und Senioren sei besser als bei Einführung der obligatorischen Untersuchung in den 1970er-Jahren.

Dass Senioren heutzutage länger fit – und somit auch mobil bleiben–, widerspiegelt sich in den Zahlen: Bei den über 65-Jährigen stieg der Anteil derer, die einen Führerausweis besitzen, von 61,7 Prozent im 2005 auf 69,3 Prozent im 2105. Das zeigt der 2017 publizierte Mikrozensus Mobilität und Verkehr des Bundesamts für Statistik (BFS) und des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE).

Diese Tendenz bekommt Fahrlehrerin Astrid Meier aus Oberrohrdorf zu spüren. «Die Nachfrage nach Auffischungsfahrten für Senioren hat in den letzten Jahren klar zugenommen.» Für Meier nimmt das Thema Fahren im Alter eine wichtige Rolle ein. Aus diesem Grund bietet sie seit rund fünf Jahren für Senioren Auffrischungsfahrten, Feedbackfahrten nach Schicksalsschlägen und freiwillige Weiterbildungskurse an.

Das Fahrverhalten beobachten

«Die meisten Kunden sind im Pensionsalter und bis über 90 Jahre alt», sagt Meier. Die Auffrischungs- sowie die Feedbackfahrten finden jeweils im Auto der Kunden statt. Dabei gehe es nicht darum, die klassischen Inhalte einer Fahrstunde beizubringen wie etwa das Anfahren mit Handbremse am Berg. «Vielmehr beobachte ich ihr Fahrverhalten, mache sie auf neue Regeln aufmerksam und gebe Verbesserungsvorschläge», sagt Meier, die seit 2003 als Fahrlehrerin tätig ist. Die Senioren könnten Fragen stellen, die sie schon lange beschäftigen und erhalten eine fundierte Erklärung. «Diese Fahrten erfordern von mir Einfühlungsvermögen, gute Fachkompetenz und eine gehörige Portion gesunden Menschenverstand.»

Vielen gibt das Autofahren ein Gefühl von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. Darauf möchten auch Seniorinnen und Senioren nicht verzichten. Das ist der Grund, weshalb sich Astrid Meier stark dafür einsetzt, dass Senioren noch lange mobil bleiben. «Die Fähigkeit, Auto zu fahren, nimmt nicht von einem Tag auf den anderen ab, sondern ist ein schleichender Prozess», erklärt sie. Komme hinzu, dass manche Senioren nicht eingestehen wollen, dass sie Unterstützung nötig haben. «Die meisten überwinden die Hemmschwelle aber ohne Probleme und melden sich aus eigenen Antrieb bei mir.» Die anderen würden vom behandelnden Arzt aufgeboten oder von Familienmitgliedern animiert, sich anzumelden. «Allerdings sind in diesen Fällen die Senioren bereits nicht mehr allzu fit für den Verkehr.»

Meier betreut fast wöchentlich Senioren. «Sie sind dankbar und motiviert. Letzteres ist sehr wichtig, um im Alter noch lange mobil zu bleiben.» Die Zusammenarbeit mit den Senioren bereite ihr grossen Spass. Fahren Senioren besser als Junge? «Nimmt man das theoretische Wissen, haben die Jungen die Nase vorn. Doch diesen Vorsprung machen die älteren Generationen mit ihrer Erfahrung wett», sagt Meier. Sie sei deshalb der Meinung, dass beide Altersgruppen auf gleicher Höhe seien. Dennoch kann Meier nicht nachvollziehen, dass die Alterslimite für verkehrsmedizinische Untersuchung von 70 auf 75 Jahre angehoben wird. «Dass ich die Erhöhung der Alterslimite ablehne, hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern einzig mit der Sicherheit», betont Meier.

Als über 50-jährige Fahrlehrerin müsse sie sich auch alle drei Jahre verkehrsmedizinisch untersuchen lassen, um die Voraussetzung zu schaffen, dass sich ihre Kunden bei ihr sicher fühlen dürften. Sie würde vielmehr anregen, dass sich alle Fahrzeuglenker regelmässig über Verkehrsthemen, die interessieren und Spass machen, weiterbilden sollten. «Dies können Fahrkurse, Vorträge oder zum Beispiel das Zuschauen eines Crash-Testes sein, um Einblick in unsere Forschung zu erhalten.»

Brenzlige Augenblicke

Gab es bereits brenzlige Situationen bei Auffrischungsfahrten? «Ja, es gab schon Situationen, in denen ich ins Lenkrad greifen musste, obwohl ich versuche, vorerst verbal eine kritische Situation zu verhindern», sagt sie. Zu guter Letzt gibt Meier den Senioren folgenden Tipp: «Eine gute Möglichkeit, die Hemmschwelle zur Anmeldung einer Auffrischungsfahrt zu überwinden, ist, als erstes einen Theorie- oder Themenkurs zu buchen.» Solche bietet beispielsweise der TCS an. Und: «Ein grosses Anliegen von mir an alle Verkehrsteilnehmer ist, mehr Toleranz zu zeigen.»

Artikel erschienen am 5. Oktober 2018 im Badener Tagblatt

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