2009 gewann Gregor Stähli aus Bellikon seinen dritten WM-Titel im Skeleton. Heute hat er sich als Geschäftsführer in der Privatwirtschaft etabliert. Die Leidenschaft für den Eiskanal ist geblieben.

Wie alle seine Mitstudenten hatte auch Gregor Stähli, damals im Jahr 1994, einen Papierblock vor sich liegen. Doch statt sich Notizen von der Betriebswirtschaftsvorlesung zu machen, zeichnete der 26-Jährige die Kurven des Eiskanals von Altenberg (D). Dort, wo in wenigen Monaten die Weltmeisterschaften stattfinden würden. Dass sich Stähli mental auf die Titelkämpfe statt auf die Worte des Professors fokussierte, lohnte sich: In Deutschland gewann er seine erste WM-Goldmedaille im Skeleton.

«Die Saison 94 war extrem streng. Nicht nur stand die WM an, ich hatte auch Zwischenprüfungen zu absolvieren», blickt Gregor Stähli zurück. Er sitzt am Tisch der Omnimedica AG in Schlieren. Das Spin-off der ETH Zürich entwickelt und vertreibt Produkte in den Bereichen Zellschutz, Zellregeneration, Stressreduzierung und Leistungskraft. Seit 2011 arbeitet er für die Firma, deren Geschäftsführer er seit kurzem ist. Dabei kümmert sich Stähli unter anderem um die Finanzen, knüpft Kontakte mit Kunden wie Sportvereinen und Unternehmen, meldet Produktpatente an und analysiert das Marktpotenzial im Ausland.

Der 50-Jährige, der schon lange in Bellikon wohnt, bezeichnet sich als Unternehmer durch und durch. Trotzdem erinnern viele Dinge in seinem Büro an seine Karriere als erfolgreichster Skeletonpilot der Schweiz: Auf den Regalen stehen Pokale, an den Wänden hängen Bilder, die ihn im Eiskanal in Aktion zeigen, an die Wand sind zwei Schlitten gelehnt. «Der eine stammt aus den 70er-Jahren. Mit dem anderen wurde ich 2009 zum dritten und letzten Mal Weltmeister», sagt der Betriebsökonom und zeigt auf das weisse, rund 40 Kilogramm schwere Gefährt.

«Der Sport hat mich stark gemacht. Ich habe gelernt, mit Niederlagen umzugehen, schlechte Gedanken in positive umzuwandeln. Diese Eigenschaften helfen mir im Berufsleben extrem», sagt Stähli. Den langen Schnauf hat er nötig: Neben seiner Tätigkeit bei Omnimedica ist er Inhaber und Geschäftsführer von «Icerunner Ltd.», die Firmenanlässe im Eiskanal von St. Moritz organisiert. Nicht zuletzt ist er an der SwissDrinx AG beteiligt, die Nahrungsergänzungsmittel produziert. Obwohl sich die Arbeitspensen unterscheiden, stellt Stähli die drei beruflichen Standbeine auf dieselbe Höhe. «So wie ich im Sport stets fokussiert war, so bin ich es auch im Arbeitsleben», sagt Stähli. «Im Kern des Unternehmertums, das Vor- und Nachteile mit sich bringt, steht die Leidenschaft. Nur damit kannst du deine Ziele verfolgen und etwas bewegen.»

Vater zeigte ihm Tricks und Kniffs

Um zu verstehen, wie Gregor Stähli vom Skeletonpilot zum Unternehmer wurde, ist ein Blick in die Vergangenheit nötig: Stähli wurde 1968 in Zürich geboren. Schon im Kindesalter war er vom Eiskanal fasziniert. Die Leidenschaft fand er durch seinen Vater, Burgmar Stähli, der den Bobbahn-Skeleton in der Schweiz etablierte. Dieser nahm seinen Sohn früh mit zu den Eiskanälen, stellte ihm Sportpersönlichkeiten vor und zeigte ihm Tricks und Kniffs. Als er als junger Erwachsener schliesslich entschied, selber zum Schlitten zu greifen, hatte er die Unterstützung seines Vaters auf sicher. «Ich habe sehr viel von ihm lernen können, auch was das Unternehmerische anbelangt», so Gregor Stähli. Denn als Skeletonpilot, erklärt er, führe man ein kleines Unternehmen. «Zu meiner Zeit steckte Skeleton noch in den Kinderschuhen. Ich ging selber auf Sponsorensuche, organisierte das Training und die Reisen. Damit ich meinen Sport ausüben konnte, musste ich arbeiten.»

Geholfen hat Stähli die Tatsache, dass er seit je eine Person war, die sich nicht nur auf eine, sondern auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren konnte. «Nur Sport zu treiben, wäre für mich nicht befriedigend gewesen. Mein Ziel war immer, parallel auch einen Plan B aufzubauen. Das lenkte mich mental ab und gab mir die Sicherheit, dass ich nach meiner Karriere nicht mit leeren Händen dastehen würde.»

Aufhören fiel ihm nicht leicht

Er verstand es gut, seine Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen — mit einer Ausnahme: das Studium. «Nach dem Weltmeistertitel 1994 in Altenberg beendete ich meine Sportkarriere. Ich schaffte es nicht, zu studieren und gleichzeitig zu trainieren», sagt er und fügt mit einem Schmunzeln an: «Skeleton lenkte mich in den Vorlesungen zu sehr ab.» Nach dem Rücktritt konzentrierte er sich fortan auf sein Betriebswirtschaftsstudium an der Hochschule St. Gallen.

Als er fünf Jahre später vernahm, dass Skeleton nach 54 Jahren Pause wieder olympisch werden würde, kündigte er seinen Job als Controller bei einer Grossbank und kehrte in den Sportzirkus zurück. Mit Erfolg: Zwischen 1999 bis zu seinem definitiven Rücktritt 2009 gewann er unter anderem zwei Bronzemedaillen an den Olympischen Spielen, zweimal den WM- sowie einmal den EM-Titel. Wobei er seiner Tätigkeit als Controller nachging, wenn er sich nicht auf einen internationalen Wettkampf vorbereitete.

Zurück trat Stähli, weil er wegen einer hartnäckigen Unterschenkelverletzung keine Wettkämpfe mehr bestreiten konnte. «Aufzuhören fiel mir nicht leicht, aber der Zeitpunkt stimmte so für mich», sagt er. Im Gegensatz zu anderen Spitzensportlern, die nach dem Rücktritt grosse Mühe bekunden, ins Arbeitsleben zu finden, fand Tausendsassa Gregor Stähli sofort den Anschluss.

Europameistertitel bei den Senioren

Zwischen den sportlichen und beruflichen Verpflichtungen hat bei Stähli aber auch die Familie Platz gefunden: Gemeinsam mit seiner Ex-Frau Melanie hat er drei Söhne, Nico, Marc und Jannis. «Wir haben uns 2007 getrennt, leben in Bellikon aber nur rund 200 Meter auseinander», sagt Stähli, der heute in einer neuen Partnerschaft lebt. Wie Burgmar Stähli seinen Sohn ins Metier der pfeilschnellen Sportart einführte, hat auch Gregor Stähli den Eiskanal seinen drei Söhnen nähergebracht. In dessen Fussstapfen werden sie aber nicht treten. «Sie haben andere Interessen.»

Bei Gregor Stähli ist die Bindung zum Skeleton auch heute noch — zehn Jahre nach seinem Rücktritt— gross. Rund zwanzig bis dreissig Fahrten pro Jahr absolviert er im Eiskanal. Dabei nimmt er auch an Wettkämpfen teil, etwa an den Schweizer Elite-Meisterschaften, wo er immer noch unter die Top fünf fährt oder an den Senioren-Europameisterschaften, wo er vor kurzem den Titel holte.

«Auch wenn die Fahrten Schürfungen und Zerrungen mit sich bringen, lohnt es sich», sagt er und hält seinen lädierten Finger in die Höhe. «Ich liebe es, das Wettkampfgefühl zu spüren und im Eiskanal runterzufahren. Das Kribbeln und das Tempo lassen mich nicht los – auch im Alter nicht», sagt Gregor Stähli und schmunzelt.

Artikel erschienen am 28. Januar 2019 im “Badener Tagblatt”

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