Die Alu-Flaschen aus dem Hause SIGG sind längst nicht mehr nur bei Bergsteigern beliebt, photo taken by robsDer starke Franken und der hart umkämpfte Markt haben den Trinkflaschenhersteller SIGG dazu bewogen, das Portfolio breiter aufzustellen: Neben den Alu-Flaschen sollen auch Flaschen aus Glas, Edelstahl und Kunststoff weltberühmt werden.

Bergsteiger kennen sie nur allzu gut, die Trinkflaschen des Schweizer Unternehmens Sigg. Aus Aluminium gefertigt, sind die «Bottles» leicht – und somit ideal, um sie auf eine lange Tour mitzunehmen. Sie sind aber längst nicht mehr nur auf Berggipfeln zu finden: Ob am Arbeitsplatz, in der Badi oder beim Spazieren, heute gehören die bunten Trinkflaschen auch im Alltag zum stetigen Begleiter.

Der Schritt zum sogenannten «Lifestyle-Accessoire» ist Sigg gelungen. Doch das reicht Stefan Ludewig, seit Februar neuer Chef des Unternehmens, nicht. Er will sich vom Image des traditionellen Aluminium-Trinkflaschenherstellers trennen.

Was der 51-Jährige damit meint, erklärt er, während er im Büro am Firmensitz in Frauenfeld in eine Plastikschachtel greift. «Wir wollen uns zum Spezialisten für Trinkflaschen entwickeln», sagt Stefan Ludewig und stellt eine Flasche nach der anderen auf den Tisch. Kurze Zeit später stehen darauf gut zwanzig Stück – aus Aluminium, Glas, Edelstahl und Kunststoff. Letztere zwei hat Sigg 2014 auf den Markt gebracht, diejenige aus Glas ist ab dem vierten Quartal 2015 erhältlich: «Damit ist die Produktlinie komplett.»

Anteil Alu-Flaschen soll schrittweise verringert werden

Die Strategie, mit vier verschiedenen Materialien auf dem Markt zu sein, hat einen guten Grund: 80 Prozent des Sortiments machen Alu-Trinkflaschen aus. Doch weil Sigg diese ausschliesslich in Frauenfeld produziert und den Grossteil in den Euroraum exportiert, schlägt sich der starke Franken besonders auf die Bilanz nieder. «Stellen wir uns breiter auf, können wir Währungsturbulenzen besser abfedern», so Stefan Ludewig. Durch diese Neuausrichtung kann das Unternehmen Kosten sparen: Es lässt die Edelstahl- und Glastrinkflaschen bei Partnerunternehmen in Europa und Asien herstellen.

Schritt für Schritt soll der Anteil von Alu-Trinkflaschen verringert, die Produktion mit neuen Materialien hochgefahren werden. Gleichzeitig will Sigg auch das Sortiment erweitern, etwa mit Behältern aus Kunststoff fürs Picknick und mit Essensboxen aus Aluminium.

«Wir wollen uns zum Spezialisten für Trinkflaschen entwickeln.»

Stefan Ludewig, CEO von SIGG

Ist es nicht ein Risiko, sich vom Kerngeschäft abzuwenden? Schliesslich ist Sigg dank den Trinkflaschen aus Aluminium weltberühmt. Stefan Ludewig schüttelt den Kopf: Alu-Trinkflaschen würden weiterhin das Herzstück der Marke bleiben. Doch sei es in der heutigen Zeit unabdingbar, sich weiterzuentwickeln. Sprich, die eigenen Wurzeln aufzufrischen und mit Neuem zu kombinieren. Diese Weiterentwicklung der Marke Sigg würden die Konsumenten verstehen, sagt er und fügt an: «Aber nur, wenn wir sie schrittweise auf die Reise mitnehmen.»

Eine Flasche verkauft sich nicht von alleine

Aus diesem Grund bringt Sigg im laufenden Jahr neben den bereits lancierten Produkten keine weiteren neuen auf den Markt. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf die Vermarktung. «Nur weil eine Trinkflasche im Regal steht, heisst es noch lange nicht, dass sie sich verkauft», sagt der Wirtschaftsmathematiker, der zuvor sieben Jahre in leitenden Positionen bei der Firma Tupperware war.

Stefan Ludewig ist überzeugt, dass Sigg dank der neuen Strategie «überproportional wachsen» werde. Bis 2017 schwebt ihm ein Umsatzplus von 37 Prozent vor. Wie viel das in Millionen Franken bedeutet, ist nicht zu erfahren. Das Unternehmen, das in über 50 Ländern präsent ist, gibt keine Zahlen bekannt. Klar ist aber, dass der Chef das Wachstum hauptsächlich in Deutschland, England, Österreich und in der Schweiz erreichen will. Die Vertriebsorganisation in den USA – im Jahr 2008 der wichtigste Markt – soll nächstens geschlossen, die Produkte künftig von Frauenfeld aus in die Staaten vertrieben werden.

Es gehe nun darum, «die Hausaufgaben in Europa und in den angrenzenden Ländern zu machen.» In anderen Worten: zu beweisen, dass Sigg nicht nur im Gebiet der Alu-Trinkflaschen führend sein kann.

 

Auf den Hype folgte der Einbruch – wegen Bisphenol A: Die Jahre 2008 und 2009 waren für Sigg Fluch und Segen zugleich. Segen, weil Filmschauspielerin Julia Roberts in einer TV-Show vor «giftigen Stoffen« warnte, die sich aus herkömmlichen Plastikflaschen lösen könnten. Alle sollten sich eine Sigg-Flasche besorgen, sagte sie. Am Tag danach explodierte die Nachfrage auf dem US-Markt. Bis Ende Jahr konnte Sigg sechs Millionen Trinkflaschen verkaufen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr.
Auf den Rekordumsatz folgte der Fluch: 2009 wurde bekannt, dass im Innenlack der Flaschen minimale Spuren von Bisphenol A (BPA) enthalten waren – genau diese «giftigen Stoffe», von denen Roberts vor einem Millionenpublikum gewarnt hat. BPA ist zwar nicht verboten, steht aber im Verdacht, das Hormon-, das Herzkreislauf- und Nervensystem zu beeinflussen. Obwohl Sigg bereits im August 2008 auf eine BPA-freie Flaschenproduktion umgestellt hat, brach das Geschäft im damals wichtigsten Markt, den USA, schlagartig ein. Europa hat der Skandal kaum erreicht. Trotzdem brauchte Sigg – seit 2003 im Besitz der US-Private-Equity-Firma Riverside Company – gut fünf Jahre, bis das Image wieder aufgebaut war. Nach mehrmaligem Chefwechsel leitet nun Stefan Ludewig die Geschäfte des 1908 gegründeten Schweizer Traditionsunternehmens. (CES)
Artikel erschienen am 22. August in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz
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