Das traditionelle Schuhgeschäft Bata baut den Online-Verkauf stark aus, photo taken by cesDer Markt ist im Umbruch – die Kunden kaufen heutzutage anders ein. Das traditionsreiche Familienunternehmen Bata reagiert darauf und baut Filialen ab – und das Internet-Geschäft aus.

Kein Lederduft schwappt mehr aus dem Geschäft in Solothurn. Der Schuhkonzern Bata hat seine Filiale an der Hauptgasse geschlossen. Statt Sandalen und Absatzschuhe werden dort bald Smartphones über die Ladentheke gehen, das Mobiltelefongeschäft Mobilezone zieht ein. Auch in St. Gallen, Biel und Bern hat Bata Läden dicht gemacht – bald ist Zürich an der Reihe. Im Juli schliesst der Laden an der Bahnhofstrasse. Es ist das älteste Geschäft von Bata in der Schweiz.

Das Unternehmen, das 1894 von der Familie Bata in der Stadt Zlin in der heutigen Tschechischen Republik gegründet wurde, schlägt eine neue Strategie ein. Statt nur über den klassischen Absatzkanal – die Schuhläden – will sich Bata in Zukunft verstärkt auf das Geschäft im Internet konzentrieren. Laut Grégoire Coquoz, Finanzmanager von Bata, sieht die Strategie vor, dass Kunden mehrere Absatzkanäle gleichzeitig nutzen. Deshalb würde man «erhebliche Investitionen» im Online-Handel tätigen und die restlichen Läden entsprechend umbauen.

Bata hat sich im stationären Handel schwergetan

Für den Präsidenten des Schweizerischen Schuhhändlerverbands «Schuhschweiz», Dieter Spiess, kommt der Schritt von Bata nicht überraschend: «Bata hat sich im stationären Handel in den letzten Jahren schwergetan.» Früher seien die Schweiz und die umliegenden Länder für den Schuhkonzern viel wichtiger gewesen. Mittlerweile habe er sich sogar aus Deutschland und Frankreich zurückgezogen. «Batas Geschäftsschwerpunkte liegen heute im Fernen Osten, Afrika und Osteuropa.»

Gemäss Bata-Manager Coquoz wolle man künftig auch in der Schweiz die Kunden besser erreichen, die im Internet einkaufen möchten. Das sei keine Abkehr vom Konzept des Schuhladens: «Die Schliessung bestimmter Bata-Läden in der Schweiz geht mit dieser neuen Strategie einher», so der Finanzmanager weiter.

Filialen gehen zu, das Geschäft im Internet wird ausgebaut. Wird es die traditionellen Läden in Zukunft gar nicht mehr geben? Doch, sagt Handelsexperte Chris Bücker im Interview:

«In die Stadt zu gehen, unter Menschen zu sein, ist und bleibt ein Ereignis.»

Nicht ganz klar ist jedoch, was mit den Mitarbeitenden geschieht, die Bata aufgrund der Schliessungen entlässt: Die Nachfrage liess der Schuhkonzern trotz mehreren Anfragen unbeantwortet.

Zumindest für St. Gallen und Zürich soll es eine Lösung geben: Laut dem «St. Galler Tagblatt» habe Bata den Mitarbeitenden Stellen in anderen Läden angeboten. Dasselbe soll auch in Zürich geschehen: «Nach Möglichkeit» soll den Angestellten eine Weiterbeschäftigung an anderen Standorten angeboten werden, zitierte das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Bilanz» das Familienunternehmen Mitte April.

Schliessungen angekündigt

Dass der Schuhkonzern Geschäfte schliessen würde, kommt nicht ohne Vorwarnung. 2014 gab der CEO von Bata, Jack Clemons, in einem Interview zu Wort: «Wenn sich Möglichkeiten ergeben, werden wir je nach Marktlage weiterhin Geschäfte eröffnen, aber auch schliessen.» Die Schweiz sei ein anspruchsvoller Markt, weil die Immobilienpreise sehr hoch seien, sagte er.

Nicht nur die Mieten machen Bata zu schaffen. Auch das veränderte Kaufverhalten, die Abnahme der Markentreue und die Konkurrenz von Online-Händlern wie Zalando wirken sich negativ aufs Geschäft aus. In welchem Ausmass diese Faktoren den Schuhkonzern finanziell treffen, ist nicht bekannt: Das Familienunternehmen publiziert keine Finanzkennzahlen.

Steckt die Schuhbranche in einer Krise?

Bata bleibt kein Einzelfall: Auch das Basler Schuhunternehmen Botty muss seinen Laden in der Innenstadt schliessen. Steckt die Schweizer Schuhbranche, die mit ihren 2300 Verkaufspunkten einen Umsatz von rund 2,4 Milliarden Franken generiert, also in einer Krise?

Nein, sagt der oberste Schuhhändler des Landes, Dieter Spiess. «Der Umsatz stagniert seit einigen Jahren.» Das sei jedoch nicht nur auf das aufstrebende Online-Geschäft zurückzuführen. Das Problem liege woanders: «Die Branche befindet sich in einem Verdrängungswettbewerb.» Denn in der Schweiz würden pro Person und pro Jahr 5,4 Paar Schuhe gekauft. Weltweit sind es drei. «Der hohe Verbrauch und die Kaufkraft haben viele Filialisten in die Schweiz gezogen», so Spiess.

Dass das schiefgehen kann, zeigt das Beispiel der österreichischen Schuhkette Humanic: 2008 ist sie in die Schweiz gekommen, 2013 hat sie sich wieder zurückgezogen. «Es überleben diejenigen, die den Kunden etwas Spezielles anbieten können», so Spiess. Etwa Aussergewöhnliches, ein nicht austauschbares Sortiment und kompetente Beratung gehöre dazu.

Auch müsse sich das Management genügend mit dem Standort beschäftigen, das Verhalten der Konsumenten beobachten, Trends aufspüren, sich fragen, wozu das Unternehmen in der Lage ist, so der Rat des Schuhexperten. «Halten sich Händler daran, sind sie auf der sicheren Seite.»

 

Bata und die Schweiz: Das Credo des Unternehmensgründers Tomas Bata war nicht nur, Schuhe zu produzieren, die sich jeder leisten kann. Sondern auch, die Menschen zu formen. Diese Vision setzte er mit dem Aufbau verschiedener Bata-Parks um, zuerst im Gründungsort Zlin. Später, während der Weltwirtschaftskrise und mit der Einführung von Zöllen, unter anderem auch in Möhlin. Die Bevölkerung im Aargauer Fricktal war verarmt, die Arbeitslosigkeit hoch – ein idealer Standort, um die Menschen zu formen. Der Schuhproduzent erstellte Fabrikhallen, Wohnhäuser und ein Klubhaus. 1932 – auf dem Weg zur Eröffnung des Bata-Parks in Möhlin – verunglückte Tomas Bata mit dem Flugzeug tödlich. Nichtsdestotrotz startete der Park erfolgreich: 750 Menschen arbeiteten zu Spitzenzeiten in den Fabriken. Bis 1990 stellte die Firma Schuhe in Möhlin her. Danach verlagerte Bata die Produktion ins Ausland, weil diese in der Schweiz zu teuer geworden war.

Die Familie Bata pflegte über den Fabrikstandort Möhlin Beziehungen zur Schweiz: 1946 heiratete Sonja Wettstein, Tochter des Zürcher Wirtschaftsanwalts Georg Wettstein, den Sohn des Firmengründers, Thomas J. Bata. Gemeinsam leiteten sie die Firma. Seit 2001 ist deren Sohn, Thomas G. Bata, Chef des Konzerns. (ces)

Artikel erschienen am 4. Mai 2015 in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz

Share Button