Ob Zahnpasta oder Joghurt: Die Unternehmen beziehen die Konsumenten immer mehr in die Produktentwicklung mit ein. Soziologe G. Günter Voss steht diesem Trend kritisch gegenüber, photo taken by cesAls Kunden sind wir immer mehr an der Produkteentwicklung der Unternehmen beteiligt. Für Soziologe Günter Voss stellt sich die Frage, wie die Firmen uns dafür entlöhnen.

Viele Unternehmen binden Konsumenten heutzutage in die Produktentwicklung mit ein, zum Beispiel mittels «Crowdsourcing». Was bringt es den Konsumenten, wenn sie dabei mitmachen?

Günter Voss: Werden die Konsumenten aufgefordert, Bewertungen zu Produkten oder Ideen für neue Waren zu liefern, ist der Vorteil vor allem aus Sicht der Unternehmen da. Verbraucher haben fast nichts davon.

Worin liegt das Problem?

Wenn die Konsumenten zum Beispiel Produktideen entwickeln oder Marketing-Aktionen in den sozialen Netzwerken unterstützen, wirft das einerseits Fragen zum Datenmissbrauch auf. Andererseits schaffen Konsumenten mit ihrem Tun auch ökonomische Mehrwerte, die letztlich nur den Unternehmen zugutekommen. Ohne es zu merken, werden sie zu Arbeitskräften.

Die Konsumenten leisten also Gratisarbeit. Nutzen die Unternehmen ihre Kunden aus?

Ja, das tun sie. Die Unternehmen haben die Menschen aber schon immer ausgenutzt, indem sie von ihrer Arbeitskraft Gebrauch machten. Dafür gab es jedoch eine Entlöhnung. Das ist das klassische Spiel des Arbeitsmarkts. Jetzt arbeiten die Konsumenten auch im Privatbereich für die Unternehmen.

Dann haben die Unternehmen eine Bringschuld?

Ganz klar. Die Unternehmen sollten die Konsumenten in irgendwelcher Form an der Wertschöpfung beteiligen. Das ist zwar eine utopische Idee, liegt aber mit allen Fragen rund um den Datenschutz gar nicht so weit weg. Zudem finde ich, dass Unternehmen benutzerfreundliche Bedingungen schaffen müssen. Zum Beispiel sollte der Zugang zur Online-Plattform einfach und die Aufgabestellung klar formuliert sein. Auch sollte die Ansprache nicht fordernd, sondern angenehm sein.

Glauben Sie, dass sich der Trend der Kundeneinbindung in Zukunft verstärken wird?

Ja. Unternehmen werden Funktionen verstärkt auf ihre Kunden übertragen. Das fing mit der Selbstbedienung an, ging über zum Self-Scanning bis hin zur heutigen Situation, in dem der Kunde organisatorisch ins Unternehmen eingebunden wird. Es wird fast keinen Bereich mehr geben, von dem die Konsumenten ausgeschlossen werden.

Was bedeutet das für die Verbraucher?

Im Gesundheitswesen zum Beispiel könnten die Konsumenten bald aufgefordert werden, sich zuerst im Internet schlauzumachen, bevor sie einen richtigen Arzt sehen dürfen. Oder aber, dass sie den Blutdruck selber messen und den Wert dann übertragen müssen. Für mich ist dieser Bereich eine sehr grosse Baustelle. Die Entwicklungen sollten zu denken geben.

Interview erschienen am 21. April in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz. Den Hintergrundtext finden Sie hier.

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