"Prosumenten" gab es bereits 1973: Der RBS rief zu einem Farbenwettbewerb auf, photo Handout by RBSDie Konsumenten können heute nicht nur Produkte einkaufen, sondern gleich auch noch bei der Produkteentwicklung mithelfen. Firmen sind gierig nach Bedürfnissen, nach Ideen der Konsumenten – Experten mahnen jedoch zur Vorsicht.

«Friss oder stirb.» Von dieser Devise sind die Unternehmen abgekommen: Heute buhlen die Firmen regelrecht um Konsumenten. Sie fragen nach deren Bedürfnissen, bitten sie um Ideen, ja involvieren sie gar bei der Entwicklung von Produkten.

Warum ist das so? «Die Konsumenten wünschen, heute mehr mitreden zu dürfen», sagt Martina Kühne, Trendforscherin beim Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), und fügt an: «Viele erwarten das sogar.» Durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, zum Beispiel die sozialen Medien, sei es für Kunden viel einfacher geworden, ihre Meinung zu äussern.

Konsumenten haben eine neue Macht – Firmen müssen sich daran gewöhnen

Weil die Kommunikation nicht mehr einseitig, sondern auf zwei Wegen verlaufe, hätten die Kunden eine neue Rolle inne, sagt Sergio Mare, Leiter Online-Kommunikation bei Migros. Um diesem Wandel gerecht zu werden, hat Migros im Jahr 2010 «Migipedia» lanciert. Auf der Online-Plattform finden sich einerseits Informationen zu einem grossen Teil des Warensortiments. Andererseits können sich Konsumenten zu den Produkten äussern, an Umfragen teilnehmen und Ideen einbringen.

Rund 60 Produkte wurden bisher gemeinsam mit Konsumenten in die Migros-Regale gebracht, zirka 40 Millionen Franken hat Migros mit «Migipedia»Artikeln umgesetzt. «Die Unternehmen haben erkannt, dass es für beide Seiten positiv ist, wenn man die Leute involviert», sagt Trendforscherin Kühne.

Letztendlich entscheiden die Käufer über Erfolg oder Nichterfolg

Das weiss auch Andrys Aardema, Marketingleiter bei Rivella: «Der Erfolg von Produkten ist abhängig davon, inwiefern damit ein Konsumentenbedürfnis befriedigt werden kann.» Darum habe der Getränkehersteller die neuen Rivella-Varietäten von Beginn an mit den Konsumenten entwickelt. Ein Risiko darin sieht Aardema nicht: «Am Schluss entscheiden die Käufer, ob ein neu eingeführtes Produkt langfristig erfolgreich bleibt, nicht der Entstehungsprozess.»

Alvin Toffler definierte mit dem Begriff Prosument einen neuen Verbrauchertypus: einer, der massgeblichen Anteil an der Fertigstellung bestimmter Produkte hat und deswegen Mitproduzent ist

Doch: Hat das Involvieren von Konsumenten nur positive Seiten? Nicht für alle Unternehmen sei das ein Erfolgsrezept, sagt die GDI-Trendforscherin. Eine gewisse Sympathie für das Unternehmen müsse vonseiten der Konsumenten vorhanden sein, ebenso Interesse am Produkt. «Je mehr das Unternehmen fordert, desto schneller hinterfragen die Konsumenten die Aktion», so Kühne. G. Günter Voss, Soziologieprofessor an der Technischen Universität Chemnitz, sagt, dass der Vorteil vor allem aus Sicht der Firmen da sei. Voss wirft ihnen vor, die Konsumenten auszunutzen und so zu wertvollen Kundendaten zu kommen (siehe Interview).

Sergio Mare von Migros sagt dazu: «Mit Migipedia haben wir im Moment keine Ambitionen, Daten zu sammeln.» Ein optimales Warensortiment sei das Ziel. Deshalb will Migros wissen, was die Kunden denken. An diese Einsichten will Migros nach eigenen Angaben nicht über Kundendaten gelangen, «sondern über Produktbewertungen, Ideen oder Umfragen».

Der Konsument wird Produzent

Dass Verbraucher zu Marktpartnern werden, ist aber nicht gänzlich neu: Bereits 1973 liess der Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS) die Fahrgäste bei der Beschaffung der ältesten Fahrzeuge, die «Mandarinli», zu Wort kommen: Via Stimmzettel konnten sie über die Waggonfarbe entscheiden.

Der immer stärker in die Produktion involvierte Konsument erhielt 1980 auch einen Namen: «Prosumer», zu Deutsch «Prosument» – eine Wortkombination aus Produzent und Konsument. Der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler definierte damit einen neuen Verbrauchertypus: einer, der massgeblichen Anteil an der Fertigstellung bestimmter Produkte hat und deswegen als Mitproduzent bezeichnet werden kann.

Mittlerweile hat sich die Idee des «Prosumenten» weiterentwickelt. Heute, sagt Trendforscherin Kühne, spreche man unter anderem von «Crowdsourcing». Damit ist gemeint, dass Firmen bisher selbst erbrachte Leistungen auf viele Nutzer über das Internet auslagern. Die dabei generierten Ideen werden beispielsweise für die Entwicklung neuer Produkte genutzt.

Mehr Platz für Kinderwagen

Auch der einstige Stimmzettel-Pionier RBS hat von Crowdsourcing Gebrauch gemacht: Zuerst konnte man auf der Innovationsplattform Atizo Ideen für den S-Bahn-Zug der Zukunft einbringen. Danach wurden die Fahrgäste befragt. Zum Beispiel, ob sie nach dem Einsteigen stehen bleiben oder einen Sitzplatz suchen.

«Bei der Beschaffung der neuen Züge wollten wir die Kundenbedürfnisse berücksichtigen. Und zwar von Anfang an», sagt Caspar Lösche, Social-Media-Manager beim RBS. Die Anforderungen an die Bahn seien gestiegen. Die Kunden wollen Steckdosen, mehr Platz für Kinderwagen und Beinfreiheit. Ab 2018 sollen die von den Fahrgästen mitentwickelten Nachfolger der «Mandarinli» auf der Linie Bern–Worb fahren.

Artikel erschienen am 21. April 2015 in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz. Das Interview mit G. Günter Voss finden Sie hier.

Share Button