Interview. Eigentlich wäre er lieber ein erfolgreicher Eishockey-Spieler geworden: Danny Kurmann. Doch eine Verletzung als Jugendlicher liess seinen Traum platzen. Heute ist der 49-Jährige einer von fünf Profi-Schiedsrichtern im Schweizer Eishockey. Im Interview spricht er über den Umgang mit der Kritik, über Spielregeln und Rücktrittsgedanken.

Kürzliche sassen Sie beim ersten NLA-Playoff-Spiel zwischen dem SC Bern und dem HC Davos als Ersatz-Schiedsrichter auf der Tribüne. In den Schlussminuten pfiffen die Unparteiischen drei Strafen gegen die Berner. Nach dem Spiel wurde kritisiert, dass die Schiedsrichter ihre Linie verlassen haben…

Danny Kurmann: Das ist ein Satz, den ich oft zu hören bekomme. Aber: Wer definiert diese vielgenannte Linie? Wer bestimmt, wie sie auszusehen hat? Es ist nicht so, dass wir zu Beginn sagen: Liebe Teams, das ist unsere Linie, bitte haltet euch daran. Die Mannschaften ändern ihre Strategie während des Spiels stetig, also muss sich der Schiedsrichter anpassen. Liegt zum Beispiel ein Team kurz vor Schluss zurück, versucht es, diesen Rückstand wettzumachen. Der Trainer coacht, die Mannschaft nimmt Umstellungen vor, die Temperatur der Partie verändert sich: Es wird härter gespielt, gewisse Spieler übernehmen eine neue Rolle. Jetzt muss sich der Schiedsrichter diesen neuen Gegebenheiten anpassen und entsprechend reagieren.

Die Spielregeln sind doch definiert und gelten während des ganzen Spiels?

Ja, klar. (Danny Kurmann zieht das Regelbuch aus seiner Jackentasche und legt es auf den Tisch.) Trotzdem ist es nicht so, dass der Unparteiische mit dem Regelbuch aufs Eis geht und ausschliesslich nach Paragrafen pfeift. Ein guter Schiedsrichter kennt die Regeln und interpretiert diese in das Spiel. Dafür braucht es Fingerspitzengefühl.

Trotzdem wird der Schiedsrichter oft als Spielverderber bezeichnet…

Als Schiedsrichter kann man es niemandem immer recht machen. Generell werden immer alle Teams benachteiligt. Unparteiische stehen nur im Scheinwerferlicht, wenn etwas Negatives passiert, wenn etwas falsch läuft, wenn die Emotionen negativ sind. Über eine positive Leistung wird nur selten berichtet. Das ist brutal, aber entspricht der Tatsache. Damit müssen wir umgehen können.

Wenn sie wissen, einen Fehlentscheid gemacht zu haben, was machen Sie?

Nicht alle Fehlentscheide haben gleich grosse Auswirkungen. Manche können das Spiel beeinflussen, manche sehe nur ich. In der Pause reden wir über die Vorfälle auf dem Eis, auch nach der Partie. Am Ende analysieren wir das Spiel am Bildschirm, zu Hause schaue ich mir das Geschehen noch einmal an. Auch telefoniere ich mit meinen Kollegen, hole mir Rat ein. Der Austausch untereinander ist sehr gross. Es gilt: Aus den Fehlern lernen und weitermachen.

Inwiefern beeinflussen die Medien ihren Job?

Sie helfen mir, meine Arbeit zu überprüfen, sie weiterzuentwickeln. Wenn ein Journalist eine Beobachtung macht und diese beschreibt, merke ich: Ah, von aussen ist diese Szene anders wahrgenommen worden. Aufgrund einer konstruktiven Kritik kann ich meine Schlüsse ziehen, daraus lernen und im nächsten Spiel es hoffentlich besser machen. Mit den Jahren weiss man, welche Journalisten sich seriös mit dem Thema befassen. Mit beleidigender Kritik kann ich nichts anfangen.

Sie haben die Kritik erwähnt. Kaum ein Spiel endet, ohne dass am Schiedsrichter genörgelt wird. Gehören Beleidigungen zu ihrem Job?

Nein, es gibt eine Grenze. Dass verschiedene Meinungen vorhanden sind, liegt in der Sache der Natur. Ein Schiedsrichter ist auf dem Eis, auf Augenhöhe mit den Spielern. Im Gegensatz zum Zuschauer vor dem Fernsehen. Eine Entscheidung muss in sekundenschnelle gefällt werden. Da kann man nicht einfach zurückspulen. Bei fast jedem Pfiff gibt es Interpretationsraum. Dass im Nachhinein kritisiert wird, damit muss ich leben.

Sie haben vorhin die Schmerzgrenze erwähnt. Wo liegt Sie?

Auf dem Eis ist sie sehr situativ, auch die Art und Weise einer Beleidigung ist entscheidend. Es ist weniger schlimm, wenn ein Spieler flucht und nur ich es höre oder es alle mitbekommen. Auch gibt es Spieler, wie Martin Plüss (SC Bern). Er ist einer, der sich nur sehr wenig beschwert. Wenn er einmal dann doch zu mir kommt und sagt: Heute ist nicht dein Tag, dann nehme ich diese Kritik auf. Im Grossen und Ganzen zeigt aber das Regelbuch kaum Toleranz. Auch hier ist wieder Fingerspitzengefühl gefragt.

Nicht nur auf dem Eis sondern auch daneben müssen Sie sich Sprüche gefallen lassen…

Das gehört dazu, damit kann ich umgehen. Wenn aber meine Familie ins Visier gelangt, dann verstehe ich keinen Spass mehr.

Kam das schon vor?

Ja. Richtet sich die Kritik gegen meine Person, kann ich damit umgehen. Geht die Kritik aber weiter an meine Familie, werden die Grenzen klar überschritten. Das ist unheimlich. Vor vier Jahren wurde diese Grenze überschritten. Fans von einem Klub fühlten sich durch meine Arbeit benachteiligt. Ich kriegte Telefonanrufe, meine Frau wurde bedroht, meine Tochter wurde auf dem Schulweg übel beleidigt. Ich fragte mich sogar, ob ich aufhören soll. Aber ich entschied, weiterzumachen, jedoch pfiff ich eine Zeitlang keine Partien mehr dieses Klubs. Die Angelegenheit hat sich normalisiert und die Leute haben gemerkt, dass dieser Klub auch mit anderen Schiedsrichtern verliert.

Apropos aufhören: Seit 1997 sind sie Profi-Schiedsrichter. Wie lange wird man Sie noch auf dem Eis sehen?

Das ist offen. Heute fühle ich mich fit, ich habe Spass und meine Erfahrung wächst von Jahr zu Jahr. Mein Ziel ist es, den 18-Jährigen auf dem Eis folgen zu können. Gelingt mir das nicht mehr, dann können wir noch einmal darüber reden (lacht).

Aufgezeichnet von: Carla Stampfli

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