Nachbarschaftsstreit eskaliert: Der eine Bewohner eines Mehrfamilienhauses bohrt am Sonntagabend, der andere bittet ihn, damit aufzuhören – es kommt zur Schlägerei.

Eine Bohrmaschine. Das war der Gegenstand, der an einem Sonntagabend im Frühling 2013 einen Streit zwischen Nachbarn ausgelöst hatte – und der Grund, warum Siljan (alle Namen geändert) diese Woche vor dem Bezirksgericht Kulm stand.

Angezeigt hatte ihn Bruno, der Nachbar: Wegen versuchter schwerer Körperverletzung sowie einfacher Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand. Bruno ist im Wynental kein Unbekannter. Er und seine Familie ziehen von einem Ort zum anderen, geraten da und dort in Schwierigkeiten – so auch am besagten Sonntagabend vor zwei Jahren.

Was war geschehen? Im Mehrfamilienhaus, wo Bruno wohnt, bohrt er lautstark Löcher in die Wand. In der Wohnung nebenan lassen Siljan, ein gebürtiger Südosteuropäer, seine Frau und sein jüngerer Sohn das Wochenende ausklingen. Nachdem Bruno rund zehn Minuten gebohrt hat, ist Siljans Geduld vorbei: Er klingelt an der Tür und bittet den Nachbarn, er möge doch mit dem Bohren aufhören, da Sonntag sei.

Mit Holzstab Wunde zugefügt

Statt auf dessen Bitte einzugehen, schreitet Bruno aus der Wohnung und geht mit einem Hammer auf seinen Nachbarn los: Siljan wird an der Schulter getroffen. Beim Angriff gelingt es ihm, den Hammer aus Brunos Händen zu reissen und das Werkzeug in seine Wohnung zu werfen. Daraufhin reagiert Bruno mit einem Faustschlag, will in die Wohnung des Nachbars eindringen.

Im Gemenge schnappt sich Siljan einen Stock: Der Holzstab, mit dem die Bodentreppe zum Dachboden herunter gezogen werden kann. Um sich zu verteidigen und zu verhindern, dass Bruno in die Wohnung eindringt, schlägt Siljan mehrfach auf ihn ein. Bruno erleidet Prellungen am Rücken, der Widerhaken am Ende des Holzstabs schneidet ihm eine Wunde in die Hand. Sie blutet. Siljans Frau zieht ihren Mann in die Wohnung und schliesst die Tür. Bruno tritt dagegen, Tür und Türrahmen werden beschädigt.

«Es ist das erste Mal, dass mir so etwas passiert.»

Siljan, Angeklagter

Er habe Bruno weder leicht noch schwer verletzen wollen, sagte Siljan, der mit Dolmetscher und Rechtsanwalt im Kulmer Bezirksgerichtssaal anwesend war. Mit dem Holzstab habe er versucht, Bruno von sich wegzuschieben. Zudem habe er verhindern wollen, dass dieser in seine Wohnung eindringt. Dabei habe er die Kontrolle verloren, es sei ihm nicht mehr bewusst gewesen, was er mache.

Vor Gerichtspräsident Thomas Müller betonte Siljan mehrfach, dass er Bruno nicht habe provozieren wollen. Seit über 25 Jahren sei er nun in der Schweiz, nie habe er Probleme gehabt: «Es ist das erste Mal, dass mir so etwas passiert.»

Streit verlagert sich auf Vorplatz

Siljan wurde von den Vorwürfen der schweren Körperverletzung und der einfachen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand freigesprochen. Thomas Müller begründete das Urteil wie folgt: Sowohl aus den Akten als auch der Verhandlung sei ersichtlich geworden, dass es Siljan darum ging, Angreifer Bruno abzuwehren und ihm keine Verletzungen anzufügen.

Und doch kam Siljan nicht ungeschoren davon. Denn die Auseinandersetzung zwischen den beiden Nachbarn hatte an jenem Sonntagabend einen zweiten Teil: Nachdem Bruno die Wohnungstüre von Siljan mit Tritten versehen hat, geht er die Treppe hinunter und betritt den Vorplatz des Mehrfamilienhauses.

Dort trifft er auf Siljans älterer Sohn, Bruno zeigt ihm die blutende Hand. Siljan beobachtet das Geschehen von oben. Dann renkt er ein, geht mit dem Holzstab nach unten, zieht seinen Sohn vom Nachbarn weg und spricht beruhigend auf ihn ein. Bruno gefällt das nicht: Er greift Siljan erneut an, worauf Siljan mit dem Stock auf Brunos Arm schlägt. Der Arm bricht.

Angriff war nicht gerechtfertigt

Siljans Angriff beurteilte der Gerichtspräsident als einfache Körperverletzung, begangen in entschuldbarer Notwehr. Deswegen sprach er den Angeklagten schuldig. Thomas Müllers Begründung: Für diese Tat habe es keinen rechtfertigenden Anlass gegeben, denn der Sohn war selbst in der Lage, Bruno von sich wegzustossen. Zudem sei keine Schlägerei im Gange gewesen, als Siljan mit dem Holzstab den Vorplatz betreten habe.

Siljan wurde zu einer Geldstrafe von 3000 Franken verurteilt, bedingt auf zwei Jahre. Zudem muss er eine Busse von 500 Franken sowie einen Teil der Verfahrens- und Parteikosten bezahlen.

Artikel erschienen am 26. Februar 2015 in der Aargauer Zeitung

 

Share Button