In einem umgebauten Bauernhof in Hunzenschwil restauriert Martin Strebel mit acht Mitarbeitern Bücher, Karten, Pläne oder Urkunden. Schimmel, Wasserschäden oder Rissen geht es im Atelier an den Kragen.

Bechergläser baumeln von einer Wandhalterung. Auf einem Regal sind Dutzende von Pinseln in jeglichen Grössen und Arten aufgereiht. Nebenan steht eine Laborkapelle mit Pipetten, gegenüber ein schreibtischgrosses Wasserbecken. Darin liegt eine Grafik von Alois Carigiet, dem Bündner Maler und Vater der weltberühmten «Schellenursli»-Illustrationen.

Hier, in einem umgebauten Bauernhof in Hunzenschwil, befindet sich das Atelier von Martin Strebel. Gemeinsam mit acht Mitarbeitern restauriert und konserviert er Bücher, Manuskripte, Karten, Pläne, Urkunden und – Grafiken.

Grafik hat einen Feuchtigkeitsschaden

«35 Grad warm ist das Wasser», sagt Martin Strebel und zeigt in das Becken, in dem die Illustration von Carigiet badet. Beim genaueren Hinschauen fällt auf, dass das Papier leicht vergilbt ist. Auch sind viele kleine Wellen am Rand zu erkennen. «Die Grafik hat Feuchtigkeit abbekommen», erklärt er. Mitarbeiterin Veronika Danioth holt das Werk aus dem Bad, lässt es kurz abtropfen und stellt es auf ein Trockengestell.

«Die Wellen und die bräunlichen Stellen zeigen, dass die Grafik einen Wasserschaden erlitten hat und das Papier sauer ist», sagt Veronika Danioth. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, wird sie die Grafik später auch noch in ein stark kalkhaltiges Wasserbad geben. Dies, damit die alkalische Lösung die Säure neutralisieren kann, die aus dem Alterungsprozess entstanden ist.

Martin Strebel hat das Atelier vor 26 Jahren eröffnet

Mit dieser Prozedur, erklärt Martin Strebel, könne das Altern bis zu 150 Jahre hinausgezögert werden: «Aber nur bei idealer Lagerung.» Das Konservieren von Objekten sei das A und O. Denn die Mehrheit der Schäden, die er restaurieren müsse, seien Folgen unsachgemässer Lagerung. Faktoren wie Licht, Temperatur oder Feuchtigkeit hätten eben einen grossen Einfluss auf die Qualität, so der 60-Jährige. Werde hingegen Wert auf die Konservierung gelegt, könne der Alterungsprozess gebremst werden.

Nebst Lagerungsschäden hat das Strebel-Team mit verbogenen und vergilbten Büchern, gebrochenen Ledereinbänden und Urkundensiegeln sowie fehlenden, herausgerissenen Seiten zu tun.

Vor 26 Jahren hat Martin Strebel das Atelier in Hunzenschwil eröffnet. Die Leidenschaft und die Freude am Metier sind ihm anzusehen. Mit Elan führt er durch die zahlreichen Räume des Hauses. Räume, die eine Mischung aus Labor, Bastelwerkstatt und Büro sind.

Mit grösster Präzision erklärt er die verschiedenen Handlungsabläufe: Das Binden und das Anfasern eines durchlöcherten Manuskripts, das Herauslösen von Klebstoff. Er zeigt anhand chemischer Formelgleichungen auf, wie es zu einem Tintenfrassschaden – eine von der Tinte bedingte Zersetzung des Papier – kommt. Auch erläutert er, wie ein knapp 500-jähriger Pergamentband einen neuen Rücken erhält.

Kein Wunder, wenn Martin Strebel sagt, dass ein Buch- und Papierrestaurator sowohl gute Kenntnisse im Handbuchbinden wie auch in Chemie, Physik und Kunstgeschichte haben muss.

Viele «Patienten» sind Erinnerungsstücke

Rund 95 Prozent von Strebels Kunden sind Institutionen; Archive, Museen, Bibliotheken und Gemeinden – darunter auch viele aus dem Kanton Aargau, Gränichen, Suhr, Merenschwand. Der Rest sind Privatpersonen und Sammler. Häufig bringen sie Erinnerungsstücke wie Hausbibeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zwischen drei und vier würde er davon pro Jahr restaurieren. Der Marktwert bei Hausbibeln sei gering, jedoch hätten sie einen hohen emotionalen Wert. «Das ist bei Privatkunden meistens der Grund, warum sie ein Objekt bringen», sagt Martin Strebel.

«Eine Behandlung muss man jedem einzelnen Objekt anpassen.»

Martin Strebel, Bücherrestaurator

Aus dem 17. Jahrhundert hingegen stammen die Dorfpläne, die er und sein Team als Nächstes beschäftigen werden. Keine leichte Aufgabe: Das Papier ist eingerissen, vergilbt, teilweise von Schimmel befallen, die Seiten sind aus den Heftfäden gerissen. Die so entstandenen Schlitze und Löcher bis in den Text, sagt Strebel, werden sie wohl mit dünnem Japanpapier und einem Klebstoff schliessen müssen. Welche Art von Klebstoff sie schliesslich bei der Restaurierung verwenden können, müsse erst durch Tests ermittelt werden. Denn: «Eine Behandlung muss man jedem einzelnen Objekt anpassen.»

Artikel erschienen am 22. Februar 2015 in der «Schweiz am Sonntag»

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