Er verkauft Surprise im Bahnhof Luzern: Hadush Abayu, photo taken by cesPorträt. Wir sehen sie in fast jeder grösseren Stadt. Am Morgen, am Mittag, am Abend: Die Verkäuferinnen und Verkäufer des Strassenmagazins Surprise. Rund 350 sind es schweizweit – Menschen, die in prekären sozialen und finanziellen Verhältnissen leben. Meisten gehen wir an ihnen vorbei, ohne ein Heft zu kaufen, ohne ein Paar Worte zu wechseln.

Doch wer sind die Menschen, die Surprise verkaufen? Woher kommen sie? Wie ergeht es ihnen? Fragen, die mir immer wieder durch den Kopf gingen. Im Rahmen des fünftägigen VJ-Kurses am maz packte ich die Gelegenheit, einen Verkäufer näher kennenzulernen: Hadush Abayu. Gemeinsam mit Linda, Johannes, Stefan und Dozent Torsten ist der folgende Videobeitrag entstanden.

Ach ja: Natürlich gibt es dazu auch einen Artikel und ein Making-of-Video!


Leise und überlegt spricht er, Hadush Abayu. Von der Flucht aus seiner Heimat Äthiopien. Von seinem neuen Leben in der Schweiz als Verkäufer des Strassenmagazins Surprise. Nichts, so scheint es, kann ihn aus der Ruhe bringen. Auch nicht der eisige Wind, der an diesem Februarmorgen im Bahnhof Luzern um die Ohren pfeift.

Hier gehen täglich über 60’000 Menschen ein und aus. Sie eilen auf den Zug, trinken vor der Abreise rasch einen Kaffee oder kaufen ein. Wirklich viel Zeit verbringt im Bahnhof aber niemand. Ausser Hadush. Er rührt sich kaum von der Stelle. Sein Platz, das sind einige wenige Quadratmeter vor der Konditorei Bachmann. Mit dem Verkaufspass um den Hals steht der 57-Jährige da. Über sieben Stunden pro Tag, sechsmal die Woche.

Die Situation so nehmen, wie sie ist

Hadushs Umhängetasche ist an die Säule gelehnt. Mehrere Exemplare von Surprise schauen heraus. Ein Heft hält der Äthiopier in die Luft. Sein Blick wandert durch die Bahnhofhalle. Warm ist er angezogen. Unterleibchen, T-Shirts, Pullover, Daunenjacke. Auf dem Kopf trägt er eine flauschige Pelzmütze, sein Markenzeichen im Winter.

An die Kälte hat sich Hadush gewöhnt. „Das ist normal für mich“, sagt er schulterzuckend. Normal. Ein Wort, das er häufig in den Mund nimmt. Typisch Hadush. Er nimmt die Situationen so, wie sie sind. Auch in Bezug auf die Arbeit: In seiner Heimat war er Lehrer und Parteifunktionär. In der Schweiz verkauft er das Strassenmagazin – seit nunmehr drei Jahren. Eine andere Arbeit zu finden sei für ihn schwierig, nur schon wegen des Alters und der Sprache.

Für Hadusch ist alles normal

Dass er hier wohl nie mehr unterrichten und politisch aktiv sein kann, hat er akzeptiert. „Das ist normal für mich“, sagt Hadush. Das Leben sei eben flexibel. Mal sei man oben, mal unten. Er ist froh, dass er überhaupt eine Beschäftigung gefunden hat und Surprise verkaufen kann. Nur zuhause sitzen und nichts tun, das entspreche ihm nicht.

Die Wurzeln sollen nicht in Vergessenheit geraten

Vor acht Jahren ist Hadush die Schweiz geflüchtet. Mit seinen Verwandten und Freunden aus der alten Heimat hält er nur noch per Telefon Kontakt. Zurück nach Äthiopien will er nicht. Die Schweiz ist seine zweite Heimat geworden. Ihm gefällt es hier. Auch der Kinder wegen. Alle vier könnten die Schule besuchen und seien gut integriert, sagt er.

Nebst der Ausbildung legt Hadush Wert darauf, dass die Wurzeln nicht vergessen gehen. Zuhause unterhält sich die Familie Abayu ausschliesslich auf Tigrinya. Eine von rund 80 Sprachen, die in Äthiopien gesprochen wird. Zudem wird an Wochenenden oder bei besonderen Anlässen Injera gekocht. Ein traditionelles Gericht bestehend aus luftigem Fladenbrot, Gemüse, Fleischragout und verschiedenen Saucen.

Damit verbunden ist auch Hadushs Traum: Gemeinsam mit der Familie möchte er ein Restaurant eröffnen. Ein afrikanisches Restaurant in Luzern – seiner zweiten Heimat.


Volià das Making of:

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