Rolf von MoosWährend 36 Jahren amtete Rolf von Moos in der Sozialbehörde von Oberengstringen. In dieser Zeit war er nicht nur 13 Vorstehern unterstellt, sondern er hat auch miterlebt, was mangelnde Bildung und fehlender Ansporn mit sich bringen können.

Herr von Moos. Sie sind zum Ehrenbürger von Oberengstringen ernannt worden. Was bedeutet diese Anerkennung für Sie?

Rolf von Moos: Ich habe gemischte Gefühle. Denn ich glaube, dass ich das gar nicht speziell verdient habe. An der Jubiläumsfeier habe ich darauf hingewiesen, dass man die Anerkennung auch auf die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie meine Kolleginnen und Kollegen im Sozialamt aufteilen sollte. Sie alle haben dazu beigetragen, dass mir die Arbeit gefallen hat. Im Nachhinein bin ich natürlich hocherfreut und dankbar. Dankbar, dass ich das Amt so lange ausführen durfte.

Sie waren insgesamt 40 Jahre in einer Behörde tätig: Zuerst in der Gesundheitsbehörde und dann während 36 Jahren als Gutsverwalter in der Sozialbehörde. Was hat Ihnen den Ansporn gegeben, so lange im Amt zu sein?

Wohl meine Trägheit, mit der Sache aufzuhören (lacht). Ich mag eine gewisse Stabilität im Leben, auch privat. Die habe ich zum Glück. Ich bin 51 Jahre verheiratet. Der wirkliche Grund waren einerseits die Herausforderungen, die wir in der Behörde zu bewältigen hatten. Andererseits war es die Arbeit mit den Menschen, die mich fasziniert hat. Es war ein Wirken im Kleinen. Die Arbeit hat mir sehr viel gegeben.

Sie haben von Herausforderungen gesprochen. Können Sie ein Beispiel nennen?

Es galt, den Spagat zwischen Nutzen und Kosten zu meistern. Bringt die Unterstützung oder die zusätzliche Ausbildung etwas? Unsere Aufgabe bestand darin, zwischen den Beiträgen der Gemeinde, die der Steuerzahler und dem Nutzen abzuwägen. Nehmen wir das Beispiel einer Fremdplatzierung. Das kostet gut einmal über 100 000 Franken im Jahr. Das ist eine gewaltige Summe. Aber der Nutzen, damit ein junger Mensch wieder richtig aufgegleist wird, ist ebenso hoch. Eine Herausforderung waren auch die Widersprüche und die Diskussionen innerhalb der Behörde. Dank meiner Erfahrung konnte ich darin gewisse Erfolge verzeichnen.

Dann waren Sie also auch eine Art Streitschlichter?

Das hat es ab und zu gegeben, dass ich intern Meinungsverschiedenheiten schlichten musste. Konflikte gab es auch bei unseren Klienten: Es ist so, dass in gewissen Ethnien aus dem Nahen und Fernen Osten der Mann einen besseren Stand hat als die Frau. In der Sozialbehörde waren wir zwei Männer, alles andere Frauen. Das gab ein gewisses Gleichgewicht und war auch nötig. Vor allem, wenn wir Vorladungen hatten. Die Gespräche waren sehr interessant.

Inwiefern?

Die Personen kommen mit ganz bestimmten Vorstellungen und die Sozialbehörde muss ihnen Glauben schenken. Dabei handelt es sich auch um Menschen, die haarscharf am Gesetz vorbeilaufen. Denn Sie schrecken nicht zurück, unser Sozialwesen in der Schweiz auszunützen. Die Versuchung, neben der Schwarzarbeit auch noch ein fixes Einkommen von der Gemeinde zu erhalten, ist gross. Dass ein Missbrauch besteht, ist hingegen sehr schwierig nachzuweisen.

Sie haben zu Beginn die Sozialkosten angesprochen. Wie haben sich diese in der Zeit entwickelt?

Ich gebe ein kurzes Beispiel. Dabei beziehe ich mich ausschliesslich auf die wirtschaftliche Hilfe. Ergänzungs- und Zusatzleistungen oder das Asylwesen sind darin nicht berücksichtigt. 1977 betrug die wirtschaftliche Hilfe rund 100 000 Franken. Im letzten Jahr wies die Rechnung Ausgaben von 3,1 Millionen auf. Diesen Anstieg gab es trotz gleichbleibender Bevölkerungszahl.

Auf was, denken Sie, ist diese Kostenzunahme zurückzuführen?

Ganz genau wissen wir das nicht. Wir sagen, dass die Anspruchshaltung viel grösser geworden ist. Heutzutage ist es selbstverständlich, auf die Gemeinde zu gehen. Früher kämpfte man sich durch. Auch die Bevölkerungsstruktur hat sich verändert: Heute gibt es viele Alleinstehende, Bildungsferne oder Geschiedene. Menschen, die nicht viel verdienen.

Wie viele Menschen suchen denn die Sozialbehörde auf?

1977 wickelten wir zwischen 15 und 20 laufende Fälle ab. Heute sind es rund 150.

Hat sich in den Jahren auch der Kliententyp verändert?

Früher waren es Schweizer Familien, die vom Schicksal geschlagen oder aus Krankheit hilfsbedürftig geworden sind. Heute sind es vor allem andere Ethnien, aber auch Alleinstehende oder Geschiedene, die Unterstützung suchen. Hinzu kommt, dass die Anzahl Kinder pro Familie gestiegen ist. Damals hatten wir es mit Familien zu tun, die so viele Kinder hatten, wie sie auch ernähren und erziehen konnten. Heutzutage sehen das Menschen anderer Ethnien etwas anders. Darum ist die Anzahl Kinder bei ihnen auch sehr viel grösser. Das wirtschaftliche Vermögen und die Familiengrösse sind bei gewissen Religionen aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Arbeit in der Sozialbehörde war wohl nicht immer einfach.

Absolut. Es braucht Nerven. Wissen Sie, es gibt Menschen, die werden nicht rot, wenn sie leugnen. Bei ihnen liegen Worte und Taten oftmals ganz weit auseinander. Das nagt an den Nerven der Angestellten und der Sozialarbeiter, die an vorderster Front arbeiten. Es gibt auch Fälle, die einem nahegehen: Wenn Jugendliche mehrmals eine Lehrstelle abbrechen, eine neue bekommen und letztlich doch irgendwo in der Verwahrlosung landen.

Ist das ein neueres Phänomen oder war es auch schon früher so?

Es war viel seltener. Denn Schweizer Familien hatten eine andere Einstellung, was die Erziehung betrifft. In den Jahren sind viele Menschen aus dem Osten hinzugekommen, die bildungsfern sind. Auch Ungelernte mit einer Haltung, die im Gegensatz zu unserer Leistungsgesellschaft steht. Viele Jugendliche stammen aus einem Umfeld, in dem Bildung nichts wert ist.

Ist mangelnde Bildung denn eine der grössten Herausforderungen?

Die Bildungsferne ist ein wesentlicher Grund für Armut. Ich bin der Meinung, dass heutzutage der Ansporn fehlt. Der Ansporn zu sagen: Ich will über die Ausbildung besser werden.

Was kann die Sozialbehörde dagegen tun?

Die Menschen schulen, Kurse geben und schauen, dass sie wenigstens Deutsch lernen. Denn ohne Sprachkenntnisse beginnt für viele die Misere. Viele wollen Deutsch lernen. Aber es gibt auch solche, die das nicht wollen oder nicht wissen, was überhaupt arbeiten bedeutet.

Seit den Erneuerungswahlen Ende März sind Sie nicht mehr im Amt. Was vermissen Sie?

Die Kolleginnen und Kollegen, die Menschen und die Tagesstruktur. Die vermisse ich. Mit meiner Frau gehe ich viel in den Bergen laufen. Das werde ich weiterhin pflegen, solange es die Gesundheit zulässt

 

Der Ehrenbürger: Dr. Rolf von Moos ist am letzten Samstag anlässlich der Jubiläumsfeier des Gemeindehauses Oberengstringen zum Ehrenbürger ernannt worden. Gewürdigt wurde der 82-Jährige für seine jahrzehntelange Behördentätigkeit: Von 1970 bis 1974 amtete er in der Gesundheits-, ab 1978 bis zu den Erneuerungswahlen im März in der Sozialbehörde. Hauptberuflich war er vorerst als Oberapotheker in der Kantonsapotheke tätig. In Folge hat von Moos während 28 Jahren für eine Veterinär-Pharmazeutische Firma gearbeitet. Zuletzt und bis zu seiner Pensionierung war er bei einem Pharma-Chemikalien-unternehmen tätig. Heute ist er Vorstandsmitglied des Feldschützenvereins Oberengstringen. (ces)
Interview erschienen am 1. Juni 2014 in der «Schweiz am Sonntag»
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