Die Werkstatt des Rotkreuz TageszentrumsDas Rotkreuz-Tageszentrum in der Aarauer Altstadt bietet hilfsbedürftigen Menschen eine begleitete Tagesstruktur an. Während des Aufenthaltes werden die Angehörigen der Gäste von ihrer Betreuungsaufgabe entlastet.

Ein Dachdecker steigt kurz vor Feierabend auf das Hausdach – und stürzt in die Tiefe. Dabei zieht er sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu, mit Geduld kämpft er sich ins Leben zurück. Schicksalsschläge wie das oben beschriebene Beispiel stellen nicht nur die Betroffenen vor eine grosse Herausforderung. Auch von den betreuenden Angehörigen wird viel Aufmerksamkeit und zeitliche Präsenz abverlangt. Erschöpfung oder Burnout sind dabei nicht selten die Folge.

«Die betreuenden Angehörigen zu entlasten, ist ebenso wichtig, wie den Betroffenen einen strukturierten Tagesablauf anzubieten», sagt die Geschäftsführerin des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) Aargau, Regula Kiechle. Denn Angehörige seien auch einmal froh, wenn sie durchatmen könnten. Das Rotkreuz-Tageszentrum in unmittelbarer Nähe der Aarauer Altstadt bietet betagten, behinderten oder hilfsbedürftigen Menschen eine begleitete Tagesstruktur an. Während des Aufenthaltes werden die Angehörigen der Gäste von ihrer Betreuungsaufgabe entlastet.

Eine willkommene Abwechslung

18 Besucher sind an diesem Morgen im Zentrum anwesend, fünf davon beschäftigen sich in der Werkstatt. Die Gäste sind rings um einen grossen Tisch versammelt. Sie blättern Malbücher durch, zeichnen, stricken und pinseln einen Kleiderbügel mit Farbe an. Besucherin Heidi Wetter sitzt geneigt über einer Nähanleitung für Amedisli. Ein Pulswärmer liegt vor ihr, der zweite hat sie auch bald fertig gestrickt. «Mir gefällt es sehr gut hier», sagt die 69-Jährige, die seit mehreren Jahren zwei Mal pro Woche das Tageszentrum besucht. Die Rentnerin musste in ihrem Leben viele Schicksalsschläge verkraften, für sie ist das Angebot des SRK Aargau eine willkommene Abwechslung. Flechten und «lisme» mag sie besonders gerne, ebenso den Austausch mit den anderen Gästen.

«Ein Tapetenwechsel ist sowohl für die Angehörigen als auch für die Betroffenen wichtig.»

Regula Kiechle, Geschäftsführerin SRK Aargau

Rund 40 Besucher verbringen einen oder mehrere Tage in der Woche im Tageszentrum. Ob spielen, spazieren, einkaufen, Zeitung lesen, stricken, kochen oder malen. Jeder Besucher kann selber auswählen, welcher Aktivität er nachgehen möchte. «Bei uns ist nichts obligatorisch», sagt die Teamleiterin des Zentrums, Bea Wildhaber. Ausser, sagt sie lachend, das Beachten der Hausordnung: «Man muss anständig miteinander umgehen.»

Tapetenwechsel ist wichtig

Das Tageszentrum des SRK Aargau wurde vor 25 Jahren gegründet. Damals, sagt Geschäftsführerin Regula Kiechle, sei es ausschliesslich auf betagte Menschen ausgerichtet gewesen. Heute seien Schädel-Hirn-traumatisierte Menschen, IV-Bezüger, hilfsbedürftige Senioren und Menschen mit einer psychischen oder degenerativen Krankheit in der Mehrheit.

«Ein Tapetenwechsel ist sowohl für die Angehörigen als auch für die Betroffenen wichtig», sagt die Geschäftsführerin. Ein geregelter Tagesablauf, fügt Teamleiterin Bea Wildhaber an, helfe den Besuchern, sich neu zu orientieren. So sei beispielsweise die Werkstatt beliebt. «Beim Arbeiten sehen sie, wozu sie in der Lage sind und was sie erreichen wollen. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl», sagt die Sozialpädagogin.

Bewohner finden im Zentrum auch Zuneigung

Claudia Mergenthaler, die in der Werkstatt gegenüber Heidi Wetter sitzt, schätzt das Zentrum. «Hier bin ich unter Leuten und finde Zuneigung», sagt die 60-Jährige, die fünf Mal pro Woche das Zentrum besucht. Alle, die hierherkämen, hätten ihre eigenen Probleme: «Jeder kann den anderen unterstützen.» Zudem, so Claudia Mergenthaler, sei ihr Mann beruhigt, wenn er wisse, dass sie während des Tages beschäftigt sei und er sie in guten Händen wisse.

Die eineinhalb Stunden in der Werkstatt sind vorüber, als Nächstes steht das Gruppenturnen auf dem Programm. «Die Aktivitäten sind bewusst kurz gehalten», sagt Bea Wildhaber, die Teamleiterin des Tageszentrums. Dies, damit die Konzentration der Besucher nicht nachlässt. Heidi Wetter, Claudia Mergenthaler und die anderen Gäste räumen den Tisch ab, versorgen das Material und machen sich für das Turnen bereit.

Was ein Besuch kostet: Betagte, behinderte oder hilfsbedürftige Menschen finden im Tageszentrum des Roten Kreuzes ein betreutes und strukturiertes Umfeld: Besuchern mit einer IV-Rente wird eine kantonal vorgegebene Tagespauschale von 45 Franken verrechnet. Für alle anderen Gäste gilt ein AHV-Tarif von 70 Franken. (ces)

Artikel erschienen am 28. Dezember in der «Schweiz am Sonntag»

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