Die Ausstellung «Leben im Fünfstern» weckt die Erinnerungen des ehemaligen JVA-Aufsehers Werner Hasler. Viel hat er in seiner 35-jährigen Dienstzeit erlebt — so auch ein Gefangener, der mit einem Löffel die Freiheit suchte.

Werner Hasler spricht, als wäre es gestern gewesen. Die Erinnerung an den 1. April 1963, als er seine Stelle in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Lenzburg antrat, ist frisch wie nie. «Am Mittag spazierte ich bereits mit 80 Insassen alleine durch den Hof», sagt der ehemalige Aufseher in seiner Stube in Gontenschwil. Zwei Meter Abstand zwischen den Gefangenen war im Spazierhof Pflicht ebenso das Tragen der Kappe und der Identifikationsnummer. «Wir haben die Insassen nach Nummern oder mit ‹Du› angesprochen», sagt der 80-Jährige. Erst später habe man begonnen, die Häftlinge mit Namen anzureden.

Sonderausstellung widmet sich dem «Leben im Fünfstern»

Wie sich die JVA seit der Eröffnung im Jahr 1864 entwickelt hat, darüber weiss Werner Hasler bestens Bescheid. Nun gewährt auch das Museum Burghalde der Öffentlichkeit einen Blick hinter die hohen Gefängnismauern: Interessierte können in der Sonderausstellung «Leben im Fünfstern» in die 150-jährige Geschichte der Anstalt eintauchen.

«Das Alleinsein kommt im Museum sehr gut zur Geltung», sagt Hasler, der gemeinsam mit anderen ehemaligen Angestellten zu einem Rundgang eingeladen wurde. Nicht alle Gefangenen, so der Gontenschwiler, seien mit der Isoliertheit klargekommen. «Zu meiner Zeit gab es keinen Fernseher und kein Radio. Der Strafvollzug war sehr hart», sagt er.

Die Insassen waren kreativ

Um die Zeit totzuschlagen, hätten sich die Insassen sehr erfinderisch gezeigt. So bemerkte Hasler einmal, dass zunehmend Dynamos von den Fahrrädern verschwanden. «Wir haben herausgefunden, dass die Insassen sie verwendet haben, um Detektoren zu basteln. Damit konnten sie Radio Beromünster empfangen», sagt er. Erst später wurden auf den Böden der Spazierhöfe verschiedene Spiele wie Mühle und Schach gemalt; Radio- und Fernsehgeräte eingeführt. «Die Häftlinge haben den Apparat umarmt, als sie die Nachrichtenansagerin zum ersten Mal gesehen haben», erinnert sich Hasler. Auch der Krimi vom Samstagabend wurde für die Insassen zum Höhepunkt.

«Wir haben die Insassen nach Nummern oder mit ‹Du› angesprochen.»

Werner Hasler, ehemaliger JVA-Aufseher

In den ersten zehn Jahren seiner Dienstzeit hat Werner Hasler Wachablösungen bei verschiedenen Betrieben gemacht. Von 1973 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998 stand er der Korberei vor. 35 Jahre hat er insgesamt in der Lenzburger Justizvollzugsanstalt verbracht — in dieser Zeit hat er viel erlebt und gelernt. Der Stuhl, auf dem er in seiner Stube sitzt, hat er gemeinsam mit den Insassen angefertigt und mit einem Wiener-Geflecht veredelt.

Von den Insassen hat Hasler viel gelernt

Hasler steht auf und holt zwei Ordner hervor. Körbe in verschiedensten Formen und Grössen, Kinderwagen, Teppichklopfer und weitere Artikel aus Weiden sind darin auf Fotos verewigt. «Von den Jenischen und Afrikanern habe ich viel lernen können. Sie setzten beim Flechten ihre Hände gekonnt ein», sagt er und blättert in einem der Ordner.

Heute zählt die Justizvollzugsanstalt 300 Gefangene und rund 200 Mitarbeiter; zu Zeiten Haslers waren es 50 Angestellte, die sich um 180 Insassen kümmerten. «Damals haben wir alles gemeinsam bewältigt. Heute ist das nicht mehr so», sagt er. Vieles habe sich verändert, beispielsweise das Sicherheitssystem. «Es hat sich enorm verbessert», weiss der Pensionierte und erinnert sich an einen Häftling, der mit einem Löffel versucht hatte, ein Loch in die Wand zu schaben. «Der Zellennachbar dachte, dass es sich beim Geräusch um Mäuse handelt», sagt er lachend. Es gab jedoch nicht nur positive Entwicklungen: «Zu Beginn meiner Dienstzeit hatten die Häftlinge Anstand und Respekt. Später warfen sie uns Fluchwörter um die Ohren.»

Aufseher waren weit mehr als nur Aufseher

Um sich vom Dienstalltag zu erholen, half er bis zu 30 Stunden pro Monat im Lenzburger Burghaldenhaus mit; seine Frau Margrit war dort 25 Jahre als Stadtkellermeisterin tätig. Während der Arbeit im Garten oder am Weiher war für ihn die Justizvollzugsanstalt weit weg. «Es gab aber auch Aufseher, die abends nicht abschalten konnten», weiss er. Hasler und seine Kollegen hatten viele Berufe auszuüben. «Wir waren gleichzeitig Aufseher, Eltern, Seelsorger, Psychologen und vieles mehr», sagt er und richtet den Blick auf seine Frau: «Die Zeit ist so schnell vergangen, gäll Margrit?» «Ja», sagt sie und fügt lachend an: «So, wie die Pensionierung auch.»

Artikel erschienen am 10. September 2014 in der Aarguer Zeitung

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