Analyse zum Stellenwert der Leichtathletik-EM in Zürich

In Montreal waren es die echten Murmeltiere rund um das Wettkampfareal; im südkoreanischen Daegu war es das fermentierte Gemüse «Kimchi» am Morgenbuffet; in Dublin war es der Taxifahrer vor dem Schwimmbad, der sich krummlachte, als ich in den Wagen einstieg und das Lenkrad auf der falschen Seite vor mir fand. Ups, hier herrscht ja Linksverkehr!

Vor allem aber erinnere ich mich an diejenigen Momente, in denen ich als Mitglied der Schweizer Schwimm-Nationalmannschaft gemeinsam mit den anderen Athletinnen in das Stadion einlaufen konnte. Adrenalingeladen, angespannt und stolz. Sei es an einer Welt-, Europa- oder Schweizer Meisterschaft, wenn ich an diese Situationen zurückdenke, bekomme ich noch heute Hühnerhaut.

Ähnlich wird es den Sportlern ergehen, die an der Leichtathletik-Europameisterschaft im Zürcher Letzigrund hinter den Startblöcken stehen. Egal, ob sie nach ihrem Wettkampf einen Sieg feiern können oder eine Niederlage verdauen müssen. Einmal im Alltag zurück, tauschen sie ihre Erfahrungen mit den Trainern, der Trainingsgruppe, der Familie und den Freunden aus — die Athleten tragen die in Zürich erlebten Geschichten somit in die Welt hinaus. Zurück bleiben wie bei mir die persönlichen Erinnerungen an die Wettkampfstätte, an die Stimmung, an die Helfer, an die Zuschauer. Genauso bleibt die Erinnerung an das Hotel, an die Stadt, an die Menschen und an das Land, das den Wettkampf organisiert hat.

370 Millionen Zuschauer sehen sich die EM an

Mit der Austragung der Leichtathletik-EM ist Zürich nun im Mittelpunkt: Rund 1400 Sportler und 800 Betreuer aus 50 Ländern sind in den vergangenen Tagen in die Limmatstadt gereist. Etwa 370 Millionen Zuschauer werden die Wettkämpfe am Fernseher live mitverfolgen; zirka 25 000 werden im Letzigrund zugegen sein; Zehntausende werden entlang der Marathon- und Geher-Strecke in der Stadt erwartet. Es ist ein Ereignis, das Millionen in den Bann zieht. Wichtig ist es darum, dass sich die Stadt von ihrer besten Seite zeigt.

Doch wer beim Wort Leichtathletik gleich die Nase rümpft, der sollte sich überwinden und einen Ausflug ins Letzigrund wagen. Es ist die Gelegenheit, einmal abseits von Fussball, Eishockey oder Tennis ein Spektakel der anderen Art zu sehen. Die einmalige Atmosphäre, in die der «unfreiwillige» Besucher eintaucht, wird er nicht so schnell vergessen. Das Zürcher Publikum behält stets den Überblick; es weiss, wer wann und wo an den Start geht. Die Zuschauer gehen mit den Athleten mit, verfolgen sie und können sie so zu Top-Leistungen anspornen. Nicht von ungefähr wird das Publikum beim alljährlich stattfindenden «Weltklasse Zürich» als das beste der Welt bezeichnet — bei der EM wird das nicht anders sein.

“Da will ich auch hin!”

In Zürich geht es weit mehr als nur um die Vergabe von Medaillen. Es geht auch um die Zukunft: Unter den Zuschauern — vor dem Fernseher, im Letzigrund oder in der Stadt — werden auch junge Menschen sein. Junge, die mit grossen Augen gebannt die Meisterschaft verfolgen; fasziniert von den Sportlern, den Leistungen, der Stimmung. «Da will ich auch hin», werden sich so manche denken — ein Gedanke, der Feuer entfacht. Dann, Schritt für Schritt, mit Selbstdisziplin, Durchhaltewillen und Ehrgeiz wird die Sportkarriere ihren Lauf nehmen. Ob es auch bis an die Spitze reicht, ist von vielen Faktoren abhängig.

Ich jedenfalls habe nie eine Medaille an einer internationalen Schwimmmeisterschaft gewonnen. Doch zur mehrmaligen Teilnahme, dazu hat es mir gereicht. Der Weg, von Rückschlägen geprägt, war hart, aber einzigartig. Der Sport hat mir Emotionen gegeben und meinen Charakter geformt. Ich habe gelernt, mit Stress umzugehen, in kniffligen Situationen durchzuhalten und die Dinge auch mal etwas gelassener zu betrachten. Ich habe Geschichten erlebt, Kulturen und Menschen kennen gelernt. Und warum? Nur weil ich als kleines Mädchen wie hypnotisiert vor dem Fernseher sass und die Olympischen Spielen verfolgt habe und mir sagte: Das will ich auch erleben!

Auf den Serviertabletts landete allerhand
Barcelona, Atlanta, Sydney — 2004 in Athen ging ich selber an den Start. Die Erinnerung daran ist frisch geblieben. Interessant zum Beispiel, was auf den Serviertabletts in der Mensa im Athletendorf so alles landete. Von Burgern, Pommes, doppelten Reisportionen bis hin zu einer Mini-Portion Gemüse mit einem Salatblatt. Genauso blieb mir in Erinnerung, als ich an der Europameisterschaft in Antwerpen — kurz vor dem Rennen — feststellte, dass ich vor Nervosität den Wettkampfanzug im Hotel liegen gelassen habe. Item.

Eines ist sicher: Wenn Nicola Spirig und Viktor Röthlin durch Zürich laufen oder Mujinga Kambundji und Amaru Schenkel im Letzigrund sprinten, werden sie Emotionen auslösen. Die Europameisterschaft wird dafür sorgen, dass die nächste Generation an Schweizer Leichtathleten in die Nagelschuhe schlüpfen wird.

Analyse erschienen am 12. August 2014 in der Limmattaler Zeitung

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