In diesem Jahr sind 93 freiwillige Nez-Rouge-Fahrer im Gebiet Solothurn und Oberaargau unterwegs. Mit viel Herzblut sorgen sie dafür, dass nicht mehr Fahrtüchtige in ihrem eigenen Auto sicher nach Hause gebracht werden.

Es ist Freitagabend, 21.30 Uhr. Im interkantonalen Feuerwehrausbildungszentrum in Balsthal herrscht heitere Stimmung. Im ersten Stock warten die freiwilligen Nez-Rouge-Fahrer auf ihren Einsatz. Sonja Hunziker, Vorstandsmitglied der Sektion Solothurn, erklärt den Ablauf und gibt die Teamkompositionen bekannt. An diesem Abend werden insgesamt sieben Teams ausrücken. Einsatzleiter Daniel Kaufmann kontrolliert, dass alle Freiwilligen die Fahrausweise dabei haben, und übergibt den Teams die Autoschlüssel und die Einsatzhandys. Zur eigenen Sicherheit erhält jeder Nez-Rouge-Fahrer eine Leuchtweste. Yvonne Tschumi und Jörg Brudermann aus Niederbipp vom Team 1 trinken zusammen mit den anderen Freiwilligen einen letzten Kaffee, tauschen ihre Erfahrungen aus und machen sich startbereit.

An Silvester rückt Nez Rouge mit 22 Teams aus

In diesem Jahr sind 93 Freiwillige als Nez-Rouge-Fahrer im Einsatz. Zwischen vier und sieben Teams sind an den Abenden auf den Strassen unterwegs, ausser an Silvester, wo mit 22 Teams ausgerückt wird. Gearbeitet wird wie folgt: Ein Team fährt mit dem Auto von Nez Rouge zum Kunden. Der Kunde übergibt seinen Autoschlüssel einem der Freiwilligen. Dieser fährt den Kunden in seinem Fahrzeug an den gewünschten Zielort. Das Auto von Nez Rouge folgt dem Kundenfahrzeug. Einmal am Zielort angekommen, wird der Kunde verabschiedet, und das Team bricht wieder gemeinsam zum nächsten Einsatz auf. Im Durchschnitt werden pro Abend und Auto über 200 Kilometer zurückgelegt. Firmenautos und Privatautos kommen zum Einsatz. «Leider wird es immer schwieriger, Firmen zu finden, die Autos zur Verfügung stellen», sagt Einsatzleiter Daniel Kaufmann. Immerhin wurden letztes Jahr insgesamt 17 495 Kilometer gefahren – so viele wie nie zuvor.

«Leider wird es immer schwieriger, Firmen zu finden, die Autos zur Verfügung stellen.»

Daniel Kaufmann, Einsatzleiter von Nez Rouge

Um 22 Uhr werden in der Zentrale die Leitungen geöffnet. Das Telefon steht nicht lange still, und schon nimmt Vorstandsmitglied Sonja Hunziker den ersten Anruf entgegen. Ein Kunde will wissen, ob Ersigen-Eriswil auch noch zum Einsatzgebiet der Sektion Nez Rouge Solothurn gehört. «Ja, dorthin fahren wir». Denn allein gelassen wird ein Kunde nie. Bei Grenzfällen wird mit den Sektionen Aargau, Bern, Biel und Luzern kommuniziert und geschaut, dass der Kunde sicher nach Hause gebracht wird. Möglich wird die Aktion dank einem eingespielten und motivierten Team, das mit viel Herzblut die Arbeit ausübt. «Unter uns Freiwilligen herrscht eine wunderbare Atmosphäre, es ist, als wären wir eine grosse Familie», erklären Yvonne Tschumi und Jörg Brudermann. Kaum gesagt, wartet schon der erste Einsatz auf das Team 1: Ein Kunde wünscht, von Langenthal nach Thunstetten gebracht zu werden.

Ein zweiter Kunde wartet bereits auf die Freiwilligen

Heute rücken sie zum dritten Mal als Freiwillige von Nez Rouge aus. Aufmerksam wurden die beiden letztes Jahr, als für Silvester noch freiwillige Fahrer gesucht wurden. Spontan entschieden sie, mitzumachen. Es gefiel ihnen so gut, dass sie sich auch dieses Jahr als Freiwillige gemeldet haben. «Die ganze Aktion ist sehr vorbildlich. Die Kunden sind stets freundlich und gesprächig», sagt Tschumi. Ihr gefalle es, sozial tätig zu sein, es sei einfach schön, wenn am Ende der Fahrt die Kunden ihnen dankbar seien. Inzwischen ist es halb zwölf und das Paar ist am Zielort in Thunstetten angekommen. Brudermann gibt dem Kunden seinen Autoschlüssel zurück. Währenddessen füllt Yvonne Tschumi das Fahrtenprotokoll aus und ruft die Zentrale an. Alles geht ruckzuck, denn schon wartet ein zweiter Kunde darauf, nach Hause gebracht zu werden. Zielort ist diesmal Graben.

Für einen Freitag ist es ausnahmsweise ruhig

Jörg Brudermann kennt sich dank seinem Beruf als Aussendienstmitarbeiter in dieser Zone sehr gut aus: Auf Schleichwegen bringt er den zweiten Kunden sicher an den gewünschten Zielort. Der Kunde dankt und übergibt dem Paar ein schönes Trinkgeld. Obwohl der Service kostenlos ist, scheue sich kaum jemand davor, Trinkgeld zu geben. Damit deckt Nez Rouge die Unkosten. Was übrig bleibt, wird in diesem Jahr der Perspektive-Gassenküche Solothurn gespendet.

Tschumi ruft wiederum die Zentrale an: «Heimkommen», sagt Einsatzleiter Daniel Kaufmann. Nach Mitternacht trifft das Paar in Balsthal ein. Yvonne Tschumi überreicht das Fahrtenprotokoll mit dem Trinkgeld an Sonja Hunziker und Daniel Kaufmann. Obwohl es für einen Freitag ausnahmsweise ruhig ist, mussten doch alle Teams einmal ausrücken. Das Paar nutzt die freien Minuten, um sich kurz aufzufrischen. Kurz vor zwei Uhr folgt ein Anruf aus Bollodingen. Team 1 wird aufgeboten. Tschumi und Brudermann machen sich in der sternenklaren Nacht zum dritten Mal auf, einen Kunden sicher nach Hause zu führen und Leben zu retten.

Artikel erschienen am 30. Dezember 2012 im «Der Sonntag»

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