Marion StarckZurzeit wird in der Schweiz an 1.-August-Reden gehobelt und gefeilt. Doch was zeichnet eine gute Rede aus? An was muss ein Redner denken, wenn er seine Ansprache aufsetzt? Was sind die No-gos ? Die Zürcher Kommunikationstrainerin Marion Starck erklärt, wie man sein Publikum packt und unterhält.

Frau Starck, wenn Sie nächste Woche eine 1.-August-Rede halten müssten, wie würden Sie das Ganze anpacken?
Marion Starck: Für mich ist das Allerwichtigste die Vorbereitung. Ich muss wissen, was ich mit meiner Rede erreichen will. Vielleicht habe ich ein Anliegen und möchte, dass das Publikum nach meiner Ansprache umdenkt. In diesem Fall formuliere ich eine Kernbotschaft. Die kann sehr oft nur einen einzigen Satz umfassen, der die Basis für die ganze Rede bildet. Genauso wichtig ist es, zu überlegen oder herauszufinden, wer mein Gegenüber ist. Denn nur wenn ich weiss, was mein Publikum spürt und fühlt, kann ich es abholen.

Wie holt man Zuhörer am besten ab?
Gute Redner haben oft einen packenden Einstieg. Sie erscheinen auf der Bühne und beginnen mit einem Satz, der die Leute berührt oder sie erzählen eine witzige Anekdote. Oftmals versuchen die Redner auch, ein Aha-Erlebnis zu erzeugen. Wenn der Anfang gut ist und ich meine Kernbotschaft kenne, dann fällt mir auch die Rede einfacher.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Bill Clinton machte sich für Barack Obama stark, als es darum ging, ihn für die zweite Amtsperiode wiederzuwählen. Bei einem Auftritt kam Clinton in einen Saal, stellte sich hin und sagte: «Wir sind hier, um einen Präsidenten zu wählen.» Das war kein besonders interessanter Satz, aber die Leute waren aus dem Häuschen.

Mit einem guten Einstieg ist also schon viel getan?
Ja. Denn es kommt selten vor, dass die Rede nach einem misslungenen Start plötzlich viel besser wird. Wenn der Beginn gelingt, dann kann fast nichts mehr schiefgehen.

Haben Sie ein bestimmtes Rezept für einen guten Anfang?
Es ist gut, wenn man mit dem beginnt, was den Leuten bekannt und was nicht kontrovers ist. Danach kann man das Publikum viel leichter zur Hauptaussage der Rede führen. Das klingt jetzt etwas einfach, doch viele Redner gehen nicht so vor.

Wie beginnen Sie, wenn Sie eine Rede halten müssen?
Meistens erzähle ich eine Anekdote. Oder etwas, das mir kürzlich passiert ist. Ich beginne gerne mit einem Satz, der persönlich ist oder das Publikum zum Lachen bringt.

Ist das Ende einer Rede auch so wichtig wie der Anfang?
Ja. Ich habe schon oft erlebt, dass hochkarätige Redner ihre Ansprachen beenden, in dem sie sagen: «Ah ja, das war’s.»

Wie beende ich eine Rede erfolgreich?
Ich kann mich beispielsweise auf das beziehen, was ich am Anfang erwähnt habe. Oder ich kann meine Ansprache mit einem Aufruf beenden. Etwas, das die Zuhörer zum Nachdenken anregt. Wenn die Situation passt, dann kann ein Witz auch angebracht sein. Das Publikum muss einfach merken, dass die Rede zu Ende ist. Eine Rede mit den Worten «Danke für die Aufmerksamkeit» zu beenden, ist ein No-go.

Warum?
Das erweckt den Eindruck, als wäre das Publikum gedrängt worden, meiner Rede zuzuhören.

Ist das Begrüssen auch ein No-go?
Das kommt ganz auf die Situation darauf an. Es gibt Anlässe, an denen erwartet wird, dass zum Beispiel wichtige Gäste begrüsst werden. Allerdings ist es nicht nötig, zu sagen: «Ich freue mich, heute hier zu sein.» Direkt mit der Ansprache zu beginnen, wirkt in vielen Fällen am besten. Das nimmt einem das Publikum auch nicht übel, denn es will ja wissen, worum es in der Rede geht.

Gibt es andere Dinge, die man während einer Rede unterlassen soll?
Das Ablesen zum Beispiel. Der Blickkontakt zum Publikum ist das A und O. Wenn der Redner aber ein Paar Notizen in den Händen hält und ab und zu darauf schaut, dann geht das in Ordnung. Auch sollte man verhindern, monoton zu reden. Denn die Stimme ist wie ein musikalisches Element. Eine korrekte Betonung hilft, Botschaften dem Publikum verständlich zu vermitteln.

Welchen Einfluss hat die Körpersprache auf die Wahrnehmung einer Rede?
Einen sehr grossen. Unsere Forschungen haben gezeigt, dass sich die Zuhörer nach einer Rede nur etwa 10 Prozent des Gesagten einprägen können. Den Rest machen die Körperhaltung und die Stimme aus. Wichtig ist aber auch, wie der Redner auf die Bühne tritt oder an das Rednerpult schreitet.

Ich kann die Wahrnehmung das Publikum also bereits mit meinem Gang auf die Bühne beeinflussen?
Ja, absolut. Dabei sollte man aber versuchen, möglichst natürlich zu bleiben. Denn jeder hat einen eigenen Stil. Der Auftritt muss authentisch sein, sonst wirkt er schnell theatralisch.

Wie kann ein Redner an seiner Körpersprache arbeiten?
Mit einer guten Vorbereitung ist vieles getan. Wenn der Redner weiss, was das Publikum braucht, wenn er seine Argumente intus hat und sich wohl fühlt, dann strahlt er Sicherheit aus. Das nimmt das Publikum wahr. Zum Erlangen dieser Sicherheit ist es hilfreich, wenn er seinen Auftritt durch das geistige Auge visualisiert. Das gibt die nötige Ruhe. Die Rede in- und auswendig lernen, reicht alleine nicht.

Es scheint, als würde der Inhalt fast zur Nebensache werden?
Manchmal, wenn eine Rede öffentlich ist, kann das Skript im Internet eingesehen werden. Es ist erstaunlich, wie einfach die Reden teils geschrieben sind.

Ist Einfachheit denn ein zentrales Merkmal einer gute Rede?
Eine Rede ist für das Publikum interessanter und eindrücklicher, wenn man die Sprache so natürlich wie möglich hält. Man sollte sich beim Reden selber treu bleiben und seine Botschaften so erzählen, wie man sie spürt. Beispielsweise bildhaft erzählen und die Worte richtig und klar betonen. Wenn ein Redner über etwas spricht, an das er glaubt, dann kommt das automatisch authentisch herüber.

Wenn Sie einem Redner zuhören, merken Sie also, ob er sich selbst ist oder sich verstellt?
Meistens ja. Denn die authentische Qualität ist ersichtlich in der Körpersprache, in der Stimme und in der Art, wie sich ein Redner bewegt.

Gibt es andere Tipps und Kniffe, die Sie ihren Kunden raten?
Sie sollen ihre Persönlichkeit einsetzen. Redner müssen sich zwar nicht dauernd selbst ins Spiel bringen, aber eine gute, persönliche Anekdote, am Anfang oder in der Mitte der Ansprache, ist ein wunderbares Highlight. Wenn ein Redner eine komplexe Botschaft vermitteln will, dann lohnt es sich, die Informationen gut zu strukturieren und zu gliedern.

Wie würden Sie das genau umsetzen?
Ich sage beispielsweise folgenden Satz: «Hier kommt es ganz besonders auf drei wichtige Punkte an. Wir brauchen das, das und das.» Ich kann aber auch eine Ankündigung machen und sagen: «Jetzt kommt es auf etwas sehr Wichtiges darauf an. Und zwar auf das, das und das.» Wie bereits erwähnt, sind die Betonung, die Körpersprache und die Stimme wichtig. Das sind rhetorische Tricks, die gut funktionieren.

Wie sieht es mit dem Aufbau einer Rede aus?
Die Struktur einer Ansprache soll einfach und logisch sein. Man beginnt mit einem guten Anfang, dann folgt die wichtigste Information, eine Anekdote und zum Schluss ein Aufruf oder ein Witz. Eine gute Rede ist wie ein Geschenk mit Schlaufe.

Interview erschienen am 27. Juli 2014 in der «Schweiz am Sonntag»

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